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Die Rheinpfalz, 10th Mar 2001:

KUNST TRIFFT AUF HEIMAT

Arbeiten von Christine Hohmann im Karl-Otto-Braun-Museum

Aber eigentlich passt sie sogar besser als eine richtige Kunstausstellung in ein Heimatmuseum. Im Mittelpunkt stehen nÀmlich Reaktionen auf eine Ludwigshafener Telefonzelle, und diese Reaktionen haben in gewisser Hinsicht mit Heimat und mit Kunst zu tun.
Die Zelle steht eigentlich am Ludwigshafener Wittelsbach Platz. Außer dass mancher schnell telefoniert, interessiert sie niemanden. Das war drei Tage lang, vom 19.bis 21.Juli vergangenen Jahres, ganz anders. Christine Hohmann hatte die Telefonzelle mit bunten Bildern, Stoff und einem Strauß lila Sommerflieder dekoriert. Es gab auch eine TĂŒte GummibĂ€rchen als "Kraftfutter" und ein Buch, das dazu einlud, seine Meinung kundzutun.
Die KĂŒnstlerin stellte sich neben "ihrer" Zelle auf, fotografierte, was sich als schwierig, und schrieb die Kommentare mit, was sich ebenfalls als nicht einfach erwies. Die bunte Telefonzelle wurde nĂ€mlich zum viel besuchten und reichlich kommentierten Treffpunkt. Manche Leute kamen jeden Tag, sogar mehrmals. Einige wohnten um die Ecke, andere fĂŒhrte ihr Weg zur Arbeit vorbei, Straßenbahnfahrer legten eigens einen Zwischenstopp ein.
Eine Minderheit reagierte mit UnverstĂ€ndnis: "Warum machen Sie so was?" oder Ärger: "Was soll der ganze Blödsinn? Die ist doch komplett ĂŒbergeschnappt! Und arbeitet die ĂŒberhaupt?" Die anderen waren mehr oder weniger begeistert: "Es ist so nett, hier zu telefonieren." Eine junge Frau ging eigens in die Zelle, obwohl sie ihr Handy benutzte: "Es ist hier gemĂŒtlich bei Blumen und Bildern." Eine Frau, die gerade ihren 90.Geburtstag hatte, sagte: " Dies ist wie ein schönes Geschenk." Fremde, die sonst nie miteinander ins GesprĂ€ch gekommen wĂ€ren, verwickelten sich in hitzige Debatten. Einigen flossen die Lippen zu Bekenntnissen persönlichster Art ĂŒber, Radfahrer reckten so die HĂ€lse, dass sie in der GrĂŒnanlage landeten. Kinder bedienten sich bei den GummibĂ€rchen. "Gut gemacht und machen Sie weiter so," hieß es.
GegensĂ€tzliche Reaktionen rief der Flieder hervor. "Ist da jemand gestorben? Oder in der Zelle erschossen, erhĂ€ngt oder erstochen worden? Wegen der Blumen!" Eine Japanerin hatte ganz andere GefĂŒhle, als sie Weintrauben dazu stellte: "Wie ein schöner Tempel." Viele schlossen die Telefonzelle ins Herz: "Ich dachte schon, heute gĂ€be es keine bunte Zelle. Gehört irgendwie schon hier dazu." Kunsteingriffe in die gewohnte Umwelt provozieren Kommunikation und Emotionen. Die Protokolle Christine Hohmanns und wenige von Passanten geschriebene Kommentare - die meisten wollten nichts schreiben und sie wollten sich auch nicht fotografieren lassen - bieten dem Besucher in der Oppauer Ausstellung nun spannendes Lesefutter.
Ästhetische GefĂŒhle lĂ€sst eine Reihe von HĂ€usercollagen aufkommen. Es sind schöne HĂ€user, und die allermeisten von ihnen stehen in Ludwigshafen. Wer wollte da nicht heimatliche Entdeckungen machen, an denen man sonst achtlos vorĂŒbergeht? Einige GemĂ€lde fĂŒhren dagegen in weit entfernte GroßstĂ€dte, allen voran New York. Christine Hohmann ist eine expressive Malerin; in krĂ€ftigen Farben gibt sie ihren GefĂŒhlen Ausdruck.